Aggressiver Hund – aus heiterem Himmel bissig

Oder gab es doch übersehene Warnsignale des Hundes?

Schlagzeilen, dass ein als liebenswürdig geltender Hund plötzlich aggressiv wurde und einen Menschen angefallen hat, gibt es viele. Da wird dann meist bestätigt, dass der Besitzer eigentlich die Hundeschule brav besucht und auch schon jahrelang Erfahrung in Hundehaltung hatte, aber dennoch wird der Hundehalter verurteilt. Irgendetwas muss er doch falsch gemacht haben, warum der Hund plötzlich verhaltensauffällig wurde. Die Gründe, wieso der Hund gebissen haben könnte, werden ausgeblendet. Viele Situationen passieren, da der Mensch erstens den Hund nicht „lesen“ kann, zweitens nicht „lesen“ will – der Hund wird oft provoziert. Absichtlich und unabsichtlich passieren also Fehler im Umgang mit dem Haustier. Viele Anzeichen von Vorwarnungen sendet das Tier nonverbal aus, bevor es dann keinen Ausweg mehr sieht und zuschnappt.

Hunde zeigen aggressives Verhalten aufgrund verschiedenster Ursachen:

  • Angst
  • Konflikt
  • Besitzergreifendes Verhalten
  • Territoriales Verhalten
  • Umgeleitete Aggression
  • Spiel
  • Beutetrieb
  • Krankhaften Veränderungen

Viele Hunde werden wegen des aggressiven Verhaltens ins Tierheim abgeschoben, andere versuchen es mit körperlichen Strafen oder Wegsperren in den Griff zu bekommen. Dies verspricht auf lange Sicht keinen Erfolg und vermindert das Wohlergehen des Hundes (und Besitzers) drastisch.

Die Ursache für das aggressive Verhalten muss gefunden werden. Daraufhin kann ein Plan für einen sicheren Umgang erstellt werden und das Problem in Angriff genommen werden.

aggression hund ursachen erkennen verhalten verstehen richtig reagieren

Ursache für Aggression herausfinden und lösen

Zu allererst sollte abgeklärt werden, ob eine körperliche Erkrankung besteht. Jede akute oder chronische Erkrankung kann Unwohlsein im Hund bewirken und damit die Reizschwelle für aggressives Verhalten herabsetzen. Das kann eine augenscheinlich plötzliche, unerklärliche Aggression entstehen lassen.

Kann eine körperliche Ursache ausgeschlossen werden, ist der beste Behandlungsplan, die kritischen Situationen mit deren Auslösern zu meiden bzw. sicher (mit Maulkorb, genug Sicherheitsabstand) handzuhaben. An die problematischen Situationen sollte sich dann mittels positiver Verstärkung herangetastet werden. Nur durch positive Methoden kann eine wirklich sinnvolle Kommunikation zwischen Hund und Besitzer stattfinden. Dabei muss eine einheitliche Kommando-Hundeverhalten-Belohnungsschleife eingehalten werden, um den Hund konsistent zu bestärken und nicht zu verunsichern. Dabei kann der Hund desensibilisiert werden und sich dem Auslöser der Aggression immer mehr genähert werden, ohne dabei die Schwelle zu überschreiten und aggressives Verhalten auszulösen. Zuerst wird also ruhiges Verhalten ohne den auslösenden Reiz geübt und belohnt, danach die Reizschwelle langsam erhöht. Dabei bleibt man aber mit der Übung und Belohnung immer unter dem Auftreten des aggressiven Verhaltens.

Positive Bestrafung, also Leinenruck oder sonstige zugefügte Strafmaßnahmen sind genauso unsinnig, wie Konfrontationsmethoden oder Überflutung mit dem Auslöser des aggressiven Verhaltens. Es kann zwar kurzfristig das Verhalten verbessern, aber auf lange Sicht bleibt das Problem ein Problem. Dies sind dann oft Situationen, in welchen der Hund plötzlich beißt. Er hat dabei zwar vorher gelernt, sein aggressives Verhalten zu unterdrücken, aber irgendwann ist der imaginäre Topf an aufgestauten Aggressionen zu groß und er tickt aus.

Es wird oft gesagt, dass sich der Hund nur spielt und dominant ist – und eine Maßreglung angebracht sei. Das Verhalten des Hundes ist aber klar an der Körpersprache der jeweiligen Aggressionstypen sichtbar.

  • Angst

Der Hund bellt, knurrt und zeigt seine Zähne, die Oberlippen sind angespannt, die Ohren zurückgelegt, die Haltung zusammengekauert und der Schwanz wird zwischen den Hinterläufen getragen. Wenn ein Fremder (gegebenenfalls das Angstobjekt) auf den Hund zukommt, kann er versuchen zu schnappen. Wird längere Zeit die Angst ignoriert, können diese angstzeigenden Körpersignale verschwinden und eine aggressivere gleich auf Konfrontation gehende Haltung gezeigt werden.

  • Konflikt

Der Hund knurrt und zeigt seine Zähne zum Beispiel, wenn er an einem Knochen kaut. Dabei sind die Ohren zurückgelegt und bei Annäherung des Menschen weicht der Hund zurück. Er ist also unsicher und weiß nicht, was er tun soll.

  • Besitzergreifendes Verhalten

Der Hund wirkt erstarrt, lehnt sich über das Beuteobjekt (zB Futter), knurrt und zeigt seine Zähne. Er ist sicher und bereit seinen Besitz zu verteidigen.

  • Territoriales Verhalten

Der Hund bellt, knurrt und versucht zu schnappen, wenn Besuche in der Nähe des Gartens bzw. der Haustüre bemerkt werden. Dabei sind die Ohren nach vorne und der Schwanz nach oben gerichtet. Der Schwanz kann auch angespannt hin und her wedeln.

  • Umgeleitete Aggression

Das sind Situationen, wo der Hund sehr erregt ist. Dies passiert zum Beispiel oft bei einer Kampfsituation zwischen Hunden, wo der Besitzer dazwischen geht und im Zuge des Gefechtes mehr oder weniger unabsichtlich gebissen wird.

  • Spiel

Der Hund springt hoch und kann leicht, aber auch fester zu beißen. Dabei zeigt der Hund aber keine Angst und meist in Kombination mit Spielaufforderungen und entspannter Körperhaltung.

  • Beutetrieb

Diese Form der Aggression kann gegen kleine Kinder oder Babys gezeigt werden. Dabei wird es als „Beute“ angesehen und mit der Motivation es zu töten angegriffen. Der Hund hat einen angespannten Körper, der Blick ist starr auf das Beuteobjekt gerichtet, die Ohren aufmerksam nach vorne gerichtet. Der Hund ist zwar ruhig, aber extrem erregt.

  • Krankhaften Veränderungen

Der Hund wird ohne Auslöser und Vorwarnsignale plötzlich aggressiv. Diese Aggressionsform sollte unbedingt von einem Tierarzt abgeklärt werden.

Ein Beispiel zum Vorgehen bei Aggression

Ein einfaches Beispiel dazu ist das Bellen und Knurren, wenn Besuch an der Tür klingelt und den Raum betritt. Wird jetzt der Hund geschimpft, wird die Situation nur noch hochgeschaukelt. Das Schimpfen hilft nichts bzw. auf lange Sicht nichts. Man muss immer lauter Schreien oder auch Verscheuch-Gesten machen, um den Hund (äußerlich) ruhig zu bekommen. Innerlich ist er auch dann noch immer höchst angespannt. Besser ist es, dem Hund eine Alternativhandlung zu erlernen, damit er weiß, was er tun soll, anstelle zu verunsichern was er alles nicht tun soll. Das ist zum Beispiel das Ablegen auf seinem Platz mit positiver Bestärkung. Um unter der Reizschwelle zu bleiben, kann zuerst ohne Klingeln und mit einem Familienmitglied geübt werden. So wird das aggressive Verhalten in ein positives Verhalten umgeleitet und nicht oberflächlich unterdrückt.

Auch mit der positiven Bestärkung wird das Tier sozusagen gemaßregelt und bestraft. Aber nicht mit Zufügen einer Bestrafungsmethode, sondern mit dem Ausbleiben der Aufmerksamkeit (und Futter-/Kraul- bzw. Spiellob). Das ist eine humanere Maßnahme und der Focus liegt am Positiven, was das Zusammenleben auf lange Sicht mehr bereichert.

Fazit

Jedes Verhaltensproblem kann auf dem konfliktsuchenden und dem durchdachten positiven Weg herangegangen werden. Auch wenn das Positive langwieriger und zeitaufwändiger ist, verbietet man dem Hund nicht sein Verhalten, sondern lenkt es in ein gewünschtes Verhalten um. Es ist ein natürliches Verhalten des Hundes sein Futter, Spielzeug oder auch den persönlichen Raum zu verteidigen. Dies wird aber von den meisten Hundebesitzern nicht akzeptiert und als Dominanzverhalten, das unterdrückt werden muss, abgetan. Dabei ist es in Wirklichkeit pures Handeln aus eigenem Interesse. Tiere sind keine Maschinen und sollen ebenfalls ihre Gefühle und ihren Standpunkt zeigen dürfen. Mittels positiver Verstärkung kann man ohne Einschüchtern erklären und kommunizieren, dass die Interessen der Menschen auch gute sein können. „Learning by doing“ lautet die Devise – verstehen kann man dieses Prinzip der Kommunikation nicht wirklich durch Lesen, sondern durch gemachte Erfahrungen.

ursachen für aggressives verhalten bei hunden

Zum Weiterlesen: Gratis Leseproben auf Amazon

 

Referenzen
Sueda KLC, Malamed R. 2014. Canine Aggression Toward People : A Guide for Practitioners. Vet Clin Small Anim 44:599–628.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*