Wie Pferd richtig streicheln und kraulen?

Streicheln, kraulen, tätscheln, abklopfen - was gefällt Pferden?

Menschen betatschen Pferde sehr gerne. Das Bedürfnis das Pferd zwischen den Augen zu berühren oder es an den Nüstern zu streicheln, ist im Menschen sehr stark ausgeprägt. Wenn es gelobt wird, wird ihm auf die Schulter geklopft! So sieht man es, so gehört es. Oder doch nicht?

Dass den Tieren das Streicheln und Berühren manchmal gar nicht recht ist, wird viel zu oft ignoriert. Berührungen werden aufgezwungen. Wenn dann ein Kopfhieb oder gar ein Biss folgt, wird das Tier als ungestüm und bösartig bezeichnet. Wie konnte es auch nur…!
Dabei wollte es nur "sagen", was es stört. Beim Streicheln kann also einiges falsch gemacht werden. Das macht nicht nur den Menschen, sondern auch das Tier unzufrieden. Um das Streicheln zu einem positiven Erlebnis für Mensch und Tier zu machen, muss das natürliche Sozialverhalten der Pferde untereinander miteinbezogen werden.

pferd streicheln kraulen allogrooming

Bedeutung der sozialen Körperpflege bei Tieren – Allogrooming

In der Wissenschaft wird die gegenseitige soziale Körperpflege "Allogrooming" genannt. Es gehört zum Komfortverhalten, das bei Pferden, genauso wie bei anderen Säugetieren und auch Vögeln in sozial stabilen Gruppen vorkommt. Dabei „beknabbern“ sich Pferde  meist gegenseitig an Kopf, Nacken, Brust oder Vorderbeinen. Diese gegenseitige Körperpflege hat nicht nur den Zweck juckende Stellen an unzugänglichen Stellen kratzen zu lassen, das Allogrooming hat auch eine soziale Bedeutung.

pferde kraulen sich gegenseitig

Die gegenseitige Körperpflege fördert den sozialen Zusammenhalt, reduziert Spannungen in der Gruppe und hat damit einen Langzeiterfolg bei den Tieren. In sozialen Gefügen, wie z.B. Primaten, wurde soziales Kraulen in Zusammenhang mit mildem sozialem Stress, also kleineren Rangeleien etc. beobachtet. Auch bei Rindern wurde das gegenseitige Belecken nach Streitereien erfasst und als Akt der Versöhnung gedeutet. Allogrooming hat einen belohnenden, kurzzeitigen Effekt. Eine Reduktion der Herzfrequenz wurde bei einigen Tierarten bewiesen und damit eine direkte positive Auswirkung auf den Körper.

Neben den Zusammenhängen mit dem Verhalten und den positiven Auswirkungen auf den physiologischen Zustand, hat Kraulen auch Bedeutung für die biochemischen körperlichen Vorgänge. Bei Primaten wurde bewiesen, dass schmerzreduzierende Endorphine beim gegenseitigen Kraulen ausgeschüttet werden.

Bindungshormon Oxytocin

Außerdem wird Oxytocin bei angenehmen körperlichen Kontakten ausgeschüttet. Es ist das Bindungshormon schlechthin. Ursprünglich war deren Wirkung auf die Mutter-Kind-Bindung beschränkt. Oxytocin soll die Wehen auslösen und auch Ursache für den Milchfluss beim Stillen sein. Dabei soll es auch die Bindung zum Kind verstärken. Die Wirkung des Hormones ist aber nicht nur auf die Mutter-Kind Beziehung beschränkt. Seine Ausschüttung geschieht auch bei Interaktionen mit anderen Menschen (insbesondere zwischen Geschlechtspartnern), aber auch beim Kontakt mit Tieren. Es wird psychologisch betrachtet mit Liebe und mehr Vertrautheit in Verbindung gebracht. Aber es soll auch die sexuelle Lust steigern und Aggressivität reduzieren. Es verringert den Blutdruck, vermindert den Cortisol-Spiegel (Stresshormon) und schafft ein besseres Wohlbefinden.

[ Oxytocin-Ausschüttung geschieht also in jeder guten Beziehung – egal mit wem. ]

pferd-geniesst-kraulen

Kraulen – natürliches Verhalten bei Pferden

Die Häufigkeit des Kraulverhaltens ist bei Pferden von der Jahreszeit, der sozialen Struktur und des Reproduktionsstandes abhängig. Etwa 2-3 Mal pro Tag kann das gegenseitige Kraulen bei Pferden beobachtet werden. Diese Kraulphasen dauern etwa 3 Minuten.

Bei wildlebenden Camargue Pferden wurde beobachtet, dass etwa die Hälfte der Kraulvorgänge in der Halsansatzregion beobachtet wurde. Dabei sank die Herzfrequenz des gekraulten Pferdes, wenn eine spezielle Körperregion beknabbert wurde. Diese bevorzugte Stelle am Halsansatz ist der Nacken vor den Schulterblättern, wozu auch Teile des Widerristes gehören. Die Reduktion der Herzfrequenz kann als Beruhigungseffekt gedeutet werden. Dieser tritt insbesondere in diesem Bereich ein, da dort ein großes Ganglion des autonomen Nervensystems (Ganglion stellatum) liegt und dieser Punkt daher besonders empfänglich ist. Dass die Stimulation dieses parasympathischen Parts eine beruhigende Wirkung hat, hat auch schon länger in der Akupressur Bedeutung gefunden. Nervöse Tiere werden von Veterinären genau dort zu beruhigen versucht.

Wie krault der Mensch am besten das Pferd?

Das Vorbild des beobachteten Kraulverhaltens der wildlebenden Camargue Pferde wurde in einem Experiment mit menschlichen Kraulpartnern nachgestellt: Etwa 3 Minuten dauerte eine Kraulphase, dabei wurde 2 Mal pro Sekunde eine Kratz-Kraul-Bewegung mit der Hand nachgestellt. Und tatsächlich, im Bereich des Halsansatzes sankt auch beim menschlichen Kraulpartner die Herzfrequenz.

wie streichelt man ein pferd richtigWie fein der Mensch die Interaktion mit dem Pferd beeinflussen kann, zeigte sich in einem anderen Versuch. Dabei mussten Menschen mit einer positiven Einstellung Tieren gegenüber und Menschen mit einer negativen Einstellung Pferde streicheln. Jene Pferde, welche von Menschen mit einer positiven Einstellung gestreichelt wurden, hatten eine niedrigere Herzfrequenz als jene, welche von Menschen mit einer negativen Einstellung Tieren gegenüber gestreichelt wurden. Ziemlich beeindruckend…

Dass Abklopfen oder Tätscheln natürlicherweise nicht bevorzugt wird, zeigt wieder eine andere Studie. Dabei wurde das Verhalten von Pferden in Bezug auf Streicheln und Tätscheln bzw. Abklopfen verglichen:
Gestreichelte Pferde zeigten gegenüber Menschen mehr affiliate, also positive Verhaltensweisen, als jene, die mit Klopfbewegungen gelobt wurden.

Natürlich kann das Pferd auch lernen, dass Abklopfen eine positive Bedeutung hat. Körperlich angenehm scheint es aber eigentlich nicht zu sein. Für das „auf die Schulter klopfen“ als Zeichen der Anerkennung und Lob ist das Pferd vermutlich zu wenig Mensch!

Pferdige Verhaltensweisen, wenn das Streicheln gefällt

Es gibt einige Studien, die besagen, dass Kraulen im Vergleich zu Futter als Belohnungssystem nicht so effektiv wirken würde. Das große Manko an diesen Versuchen war allerdings, dass zum Beispiel Kraulen durch den Menschen zwar an der ermittelten Lieblingsposition am Widerrist stattfand, jedoch nur 5 Sekunden oder aus wenigen Streichelbewegungen bestand. Das war vielleicht zu wenig intensiv oder zu kurz. Die Glücksgefühle des Lobes durch Futtergabe auszulösen ist viel einfacher, als durch Streicheln.

Bei Gefallen zeigt das Pferd deutlich, dass es das Kraulen genießt:
pferdeverhalten wenn pferd kraulen gefälltBei für das Pferd angenehm empfundenen Kraulen kann beobachtet werden, dass

  1. das Pferd den Hals wölbt oder sich sichtlich genießerisch streckt. 
  2. Das Kraulgesicht ist entspannt, die Augen können dabei leicht geschlossen werden.
  3. Die Ohren werden leicht seitlich und rückwärts geklappt.
  4. Die Oberlippe bewegt sich, wobei diese knubbelartig zusammengezogen werden kann. Dabei erscheinen die Nüstern leicht abgeflacht.
  5. Außerdem kann auch das Pferd versuchen den kraulenden Menschen liebevoll zu beknabbern. Mit Blick zurück auf das pferdige natürliche Verhalten ist das dann Freundschaft vom Feinsten: Allogrooming unter Freunden.

Ein Versuch bei Rindern zeigte auch, dass bei gestreichelten Tiere mehr positive Verhaltensweisen beobachtet werden konnten. Gestreichelte Rinder hatten einen weniger ausgeprägten Fluchtreflex und suchten in Erwartung einer positiven Interaktion auch gezielter den Menschen auf.

Ein weiteres Indiz dafür, dass Pferde den kraulenden menschlichen Partner mögen, ist also, wenn diese auf den Menschen zugehen und sich regelrecht der ausgestreckten Hand zum Kraulen anbieten. Dabei muss nicht immer die Halsregion der bevorzugte Kraulort sein. Es kann ihm auch das Kraulen an Brust, Kruppe oder Bauch  usw. besonders gefallen.

Wieso ist Kraulen wichtig für die Mensch-Pferd Beziehung?

Obwohl klarerweise nur positive Verhaltensweisen die Bindung zwischen Pferd und Mensch stärken können, stehen gerade beim Umgang mit Pferden die negativen Seiten oft im Vordergrund. Das Konzept des Reiten besteht aus Berührungen – drücken, klopfen, mal fester, mal leichter - eine Kommunikation über Körpersignale. Die Informationen, die eigentlich sachlich sein sollten, werden oft schnell negativ verstärkt. Eine Gerte wird benutzt, wenn es nicht gehen will und es wird gemaßregelt, wenn es die körperlichen Berührungen nicht über sich ergehen lässt. Dabei sollte in einer guten Beziehung zum Tier, ein Miteinander, statt Gegeneinander entstehen. 

Affiliate Verhaltensweisen, also alles Positive, wie gegenseitige Körperpflege (Allogrooming), Spiel- und Erkundungsverhalten sind wichtige Indikatoren für positive Emotionen. Diese sollten auch in einer guten Mensch-Tier Beziehung vorhanden sein, um "Freund" zu sein.
Dass in einer Gruppe sich manche Individuen mehr mögen und "netter" zu einigen Gruppenmitglieder sind, als zu anderen, wurde bereits bei vielen Tierarten bewiesen. Freund- und Feindschaften sind u.a. bei Rindern, Pferden, Schafen, Geflügel und Schweinen erforscht. Ob dabei eine echte Verwandtschaft besteht, oder nicht, ist nicht relevant, eine Vertrautheit ist der Hauptfaktor. 
Diese Vertrautheit kann auch zum Menschen als Teil "seiner Herde" entstehen. Das Kraulen ist dabei ein einfacher Weg eine Freundschaft zum Pferd aufzubauen. Allzu oft wird Kraulen als positiver Verstärker bei der Arbeit mit Pferden übersehen oder fälschlicherweise mit dem Abklopfen an der Schulter verwechselt. 

Die Tatsache, dass subordinante Tiere öfter beobachtet werden, wie diese die Dominanten kraulen, sollte uns Menschen zu denken geben und den Versuch eines Pferdes am Menschen liebevoll zu knabbern erfreuen und keine absolute Bewegungslosigkeit beim Pferde striegeln fordern! Dies soll uns Menschen außerdem verdeutlichen, dass EINZELHALTUNG von Pferden ein absolutes NO-GO ist. Auch wenn gegenseitige Körperpflege bei Pferden nicht ständig durchgeführt wird, ist es doch ein wichtiges Element zur Stressreduktion und muss zum Leben einfach dazu gehören. 

pferd krault mensch

Auf diesem Bild sieht man sehr schön, dass die menschliche kraulende Hand beim Pferd das Bedürfnis auslöst, ebenfalls jemanden kraulen zu wollen.

Fazit

Mehr Streicheln und Kraulen, schauen was dem Pferd gefällt und das Bindungshormon Oxytocin seine umfassende positive Wirkung bei Mensch und Tier machen lassen.

 

Referenzen
Balcombe, J. (2009). Animal pleasure and its moral significance. Applied Animal Behaviour Science, 118(3–4), 208–216. http://doi.org/10.1016/j.applanim.2009.02.012
Boissy, A., Manteuffel, G., Jensen, M. B., Moe, R. O., Spruijt, B., Keeling, L. J., … Aubert, A. (2007). Assessment of positive emotions in animals to improve their welfare. Physiology and Behavior, 92(3), 375–397. http://doi.org/10.1016/j.physbeh.2007.02.003
Feh, C., & De Mazieres, J. (1993). Grooming at a preferred site reduces heart rate in horses. Animal Behaviour, 46, 1191–1194.
Sankey, C., Henry, S., Górecka-Bruzda, A., Richard-Yris, M. A., & Hausberger, M. (2010). The way to a man’s heart is through his stomach: What about horses? PLoS ONE, 5(11), 1–4. http://doi.org/10.1371/journal.pone.0015446
Saslow, C. A. (2002). Understanding the perceptual world of horses. Applied Animal Behaviour Science, 78(2–4), 209–224. http://doi.org/10.1016/S0168-1591(02)00092-8
Sato, S., Sako, S., & Maeda, A. (1991). Social licking patterns in cattle ( Bos taurus )" influence of environmental and social factors, 32, 3–12.
Schmied, C., Boivin, X., & Waiblinger, S. (2008). Stroking different body regions of dairy cows: effects on avoidance and approach behavior toward humans. Journal of Dairy Science, 91(2), 596–605. http://doi.org/10.3168/jds.2007-0360
School, F. N. R. (2016). Proceedings 12th International Equitation Science Conference. In Understanding horses to improve training and performance. Saumur, France.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*