Hundebesitzer und die (fehlende) Aufmerksamkeit vom Hund

Kennst du die verzweifelnden Situationen, wo du frustriert feststellst: „Mein Hund ignoriert mich!“, „Mein Hund konzentriert sich nicht auf mich!“, „Mein Hund kommt/hört nicht, wenn ich ihn rufe!“. Oder „Mein Hund folgt auf einmal nicht mehr!“? Ja? Sehr gut bzw. nicht gut, aber Wissen über das Hundeverhalten in Bezug auf die Aufmerksamkeit kann helfen, die Situation besser zu verstehen und so das Problem zu lösen.

Hund Aufmerksamkeit trainieren

Was ist Aufmerksamkeit?

Aufmerksamkeit ist der Zustand, in dem sich das Tier auf bestimmte Aspekte der Umwelt konzentriert (im besten Fall auf den Besitzer und nicht auf andere Hunde, fremde Menschen etc.) und andere Dinge ignoriert (im besten Fall andere Hunde, fremde Menschen und nicht das Herrl bzw. das Frauerl). Aufmerksamkeit ist also ein Zustand, der wichtig für die Aufnahmefähigkeit ist - der Grundvoraussetzung zum Lernen. Im Hundetraining wird oft in Gehorsamkeitsübungen gelernt, den Besitzer auf ein Kommando hin anzusehen, ihm so also die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Als Jahrhunderte langer Begleiter des Menschen, ist der Hund ideal dafür ausgelegt, mit dem Menschen zu kommunizieren. Es wurde zum Beispiel bewiesen, dass Hunde den Aufmerksamkeitsstatus des Menschen verstehen. Also ob die Augen des Menschen geschlossen sind, ein Buch vor sein Gesicht ist etc. Das Ansehen des Menschen bringt dem Hund viele Vorteile und ist ein alltägliches Geschehen in unterschiedlichsten Situationen.

Studien zeigten auch, dass Blicke und Zeigegesten als Kommunikationssignal benutzt werden – sowohl vom Besitzer, als auch vom Hund. So kann der Hund z.B. Hinweise auf verstecktes Futter verstehen oder auch selbst durch Gesten oder andere Aufmerksamkeit erzeugende Signale den Zweibeiner verstehen lassen, welche Objekte oder Handlungen er sich vom Besitzer wünscht. Es gibt auch starke Hinweise darauf, dass sich die Qualität und auch die Häufigkeit des Aufmerksamkeitsschenken vom Hund zu seinen menschlichen Partnern mit einer engeren Mensch-Tier-Beziehung verbessert.

Wie wird die Aufmerksamkeit beeinflusst?

Eine Theorie (nach Mackintosh, 1975) besagt, dass die Aufmerksamkeit zu einem bestimmten Reiz steigt, wenn der Reiz der beste Vorhersager für eine bestimmte Konsequenz ist. Die Gegentheorie (nach Pearce und Hall, 1980) besagt, dass die Aufmerksamkeit vermehrt auf unsichere Reize gelenkt würde.
Beide Prinzipien werden im Hundetraining eingesetzt: Einerseits wird empfohlen, immer dasselbe Wort für eine Handlung zu verwenden, also immer das Wort „hier“, als einmal „komm“ oder dann wieder „Wo bleibst du denn?“. Das alles am besten noch immer in derselben Betonung. Andererseits wird öfter empfohlen, wenn der Hund nicht auf den Rückruf hört, dass der Hundebesitzer in die Gegenrichtung loslaufen oder sich irgendwo verstecken solle. Damit wird der Hundebesitzer zum unsicheren Reiz, dessen Handlung nicht voraussagbar ist.

Ein wichtiger Mechanismus, durch das die Aufmerksamkeit aber auch  beeinflusst werden kann, ist die „hundische“ Entscheidung, was als wichtig genug erachtet wird, Aufmerksamkeit zu schenken. Unerfahrene Hunde werden  zum Beispiel schneller beim Erlernen von neu gestellten Aufgaben von der Umgebung abgelenkt, wohingegen erfahrene wissen, was sie tun sollen und somit die Aufmerksamkeit nicht so leicht flöten geht. Aufmerksamkeit hängt also mit der Erfahrung in dem jeweiligen Bereich zusammen. Gemachte Erfahrungen lassen Hunde außerdem entscheiden, welche Stimuli sie für relevant und wichtig empfinden bzw. welche nicht. Schimpfen beim Herkommen ist demzufolge kontraproduktiv und der Besitzer wird in Zukunft immer mehr ausgeblendet. Dies lässt den Teufelskreislauf beginnen, denn der findige Hundebesitzer greift zu härteren Maßnahmen, damit der Hund folgen muss, auch wenn er nicht will.

Aufmerksamkeit und Ablenkung

Wenn Hunde nicht gezwungen werden, einer gewissen Person Aufmerksamkeit zu schenken, erteilen sie Studien zufolge, dem Besitzer und der fremden Person gleich viel Aufmerksamkeit. Es zeigte sich auch, dass Hunde generell in einer natürlichen Umgebung dem Besitzer sehr wenig Aufmerksamkeit schenken und diese auch von den aktuellen Bedürfnissen und ihrer Motivation abhängt. Es ist also ganz normal, dass der Hund nicht immer an den Lippen des Besitzers hängt.

Sowohl die Anzahl von ablenkenden Faktoren, als auch deren Qualität, also je nachdem wie es aus der Umgebung hervorsticht und welche biologische Relevanz es für den Hund hat, beeinflussen die Motivation und die kognitive Fähigkeit Aufmerksamkeit beim Hundebesitzer zu behalten.
Ablenkung ist also ein natürliches Phänomen - wer kennt nicht die Situation, wenn plötzlich beim Autofahren das Handy läutet und man nur zu gerne nachsehen möchte, wer geschrieben hat. So ähnlich ergeht es dem Hund beim Erscheinen einer Ablenkung, die Kunst liegt aber darin nicht zum Handy zu greifen bzw. nicht wegzulaufen. Aber wie bringe ich das nun Bello bei?

Kann Aufmerksamkeit gelernt werden?

Die Aufmerksamkeit hängt also von den Umweltfaktoren ab. Inwiefern die Konzentrationsfähigkeit von Trainingszustand, Geschlecht und Kastrationsstatus beeinflusst wird, haben italienische Forscher untersucht (Mongillo et al., 2016).

Um herauszufinden, wie Training die Aufmerksamkeit auf den Hundeführer in verschiedenen Gehorsamkeitsübungen beeinflusst, wurden in mehreren Hundeschulen insgesamt 64 Hund-Besitzer-Paare unterschiedlichen Trainingsstandes beobachtet. Als Experten wurden jene Hund-Besitzer-Paare eingestuft, welche einen 6-monatigen Kurs absolviert hatten. Diejenigen, die diesen Kurs noch nicht abgeschlossen hatten, als mittelmäßig eingestuft und schließlich waren noch 23 Hund-Besitzer-Paare ohne Trainingserfahrung anwesend.

Es wurde eine typische Gehorsamkeitsübung in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden nachgestellt. Begonnen wurde mit einer einfachen Warteposition „Steh“, bei der der Besitzer etwa 2,5m entfernt 30 Sekunden warten musste. Zuerst ohne jeglicher Ablenkung und dann in Anwesenheit eines ablenkenden Gegenstandes. Einerseits wurde Futter nahe neben dem Hund platziert, andererseits auch ein Spielzeug.

Aufmerksamkeit kann gelernt werden!

Die durchschnittliche Blicklänge vom Hund zum Besitzer und die Anzahl der Blickwechsel zum Besitzer und der Umgebung gaben Aufschluss über den Aufmerksamkeitsstand. Die Blicklänge zum Besitzer war in der Basisübung am höchsten, wurde aber vom Geschlecht des Hundes beeinflusst – am besten schnitten unkastrierte Hündinnen mit höchster Trainingsstufe ab. Während der Gehorsamkeitsübungen war der Schweregrad der Übung, als auch der Trainingsstand maßgebend.

Auch die Blickfrequenz wurde vom Schweregrad der Übung und dem Geschlecht beeinflusst. Unkastrierte Hündinnen zeigten den ausgeprägtesten Blickwechsel zwischen Spielzeug und Besitzer. Das Trainingslevel des jeweiligen Hundes beeinflusste ebenso die Blickfrequenz, diese war für ungeübte Hunde am höchsten.

Fazit

Aufmerksamkeit kann also gelernt werden! Obwohl Hündinnen dieser Studie zufolge scheinbar mehr auf den Besitzer fixiert sind, können natürlich auch andere (noch unbekannte) Faktoren dies beeinflussen. Das gute Abschneiden der unkastrierten Hündinnen wurde im natürlichen Trieb auf Jungtiere Acht zu geben vermutet. Klingt logisch, aber bisher eine haltlose Hypothese.
Übungen, die den Hund dazu motivieren, den Besitzer anzusehen, können in kritischen Situationen helfen, die Aufmerksamkeit auch bei Ablenkung schneller wieder zu bekommen. Verschiedene, für den Hund ERFREULICHE Übungen oder auch Situationen machen den Besitzer zu einem vorhersagbaren, aber doch unsicheren Reiz, da ja eine Unmenge an POSITIVEN Geschehnissen folgen könnten. Beide vorgenannten Theorien sind also vereint und der Hundebesitzer für den Hund es Wert, beachtet zu werden.

Hund Aufmerksamkeit lernen

Referenzen
Mongillo, P., Pitteri, E., Candaten, M., & Marinelli, L. (2016). Can attention be taught? Interspecific attention by dogs (Canis familaris) performing obedience tasks. Applied Animal Behaviour Science.

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