Artgerechte Kaninchen-Haltung

Wo/wie sollen meine Kaninchen leben?

Kaninchen leben im Kaninchenstall, das weiß doch jedes Kind! Ja, das tun sie tatsächlich: Eine Umfrage von Mullan und Main (2006), bei der 102 Kaninchenbesitzer teilnahmen, fand heraus, dass die Mehrheit (84%) der Kaninchen in kleinen Ställen leben. Dies deckt sich mit anderen Studien, wo ebenso die Mehrzahl in traditioneller Käfig- oder Stallhaltung leben. Darüber hinaus fristen gut 44% der Kaninchen ihr Dasein in Einzelhaltung und häufig (42%) ist unzureichend artgerechtes Zubehör vorhanden. Aber was ist aus heutiger Sicht denn überhaupt noch artgerecht?

Um ein Verständnis für eine artgerechte Haltung erlangen zu können, muss man sich das natürliche Verhalten vor Augen halten: wildkaninchenKaninchen leben in freier Wildbahn in stabilen Familienverbänden von 2 bis 14 Mitgliedern in einem Kaninchenbau mit teilweise mehr als 100 anderen Kaninchen als direkte Nachbarn. Der Lebensraum beträgt in der Regel etwa 7.000 bis 20.000 m². Das Leben in der Gruppe ist vorteilhaft für die Fluchttiere, da mehr Augen auch mehr Gefahren entdecken können und die anderen Gruppenmitglieder schnell vorgewarnt werden, wenn Gefahr droht, indem mit den Hinterläufen Klopfzeichen gegeben werden. Bei Alarm machen sich die Kaninchen schnell auf den Weg in den Kaninchenbau. Zahlreiche Eingänge und Verbindungsgänge ermöglichen beste Flucht und leichtes Vorankommen von A nach B. Die Instandhaltung des Baus ist ein weiterer Grund, wieso Kaninchen in Gruppen leben. Studien lassen vermuten, dass sogar die Gruppengröße von der Härte des Bodens mitbestimmt wird – bei weichem Untergrund waren die Gruppen kleiner als bei hartem.

Also was braucht ein Kaninchen für ein „gutes“ Leben?

Das Kaninchenleben besteht in freier Wildbahn aus Graben, Verstecken, Futtersuche und Nestbau. Diese normalen Verhaltensweisen sind in Menschenobhut oft nicht ausreichend möglich. All diese Punkte sollten jedoch auch dem Kaninchen als Haustier nicht verwehrt bleiben. Nur so können alle natürlichen Bedürfnisse gestillt werden und Kaninchen auch in Menschenobhut ein glückliches, erfülltes Leben führen.
Wenn die natürlichen Verhaltensweisen nicht ausgeübt werden können, steigt der Stresspegel im Tier, Folgen können Rastlosigkeit, also schneller Wechsel unterschiedlicher Verhaltensweisen, stereotypes Verhalten, wie hin und her laufen, nagen an den Käfigstangen oder Fell ausreißen sein. Im schlimmsten Fall können durch das Nichtausüben natürlicher Verhaltensweisen in permanenten Fehlbildungen des Skelettes enden. Eine Optimierung der Einrichtung kann solche Probleme verhindern.

Kaninchen-Haltung Kaninchenstall Hasenstall

1. Ausreichend Platz:

Studien zeigen, dass für zukünftige Kaninchenbesitzer zwar die Größe der wichtigste Faktor bei Kaufentscheidungen betreffend des Käfigs ist, dennoch wollte mehr als die Hälfte (60%) der Befragten einen Kaninchenstall kleiner als die empfohlene Mindestgröße kaufen. Das Problem ist, dass die angebotenen Heimtierunterkünfte im Handel viel zu klein sind und dies den Käufern wohl bestätigt, dass der wenige Platz vollkommen ausreichend ist.

Dabei sind die empfohlenen Größen laut Gesetz schon hart an der Grenze bzw. größere Unterkünfte gefordert, als angeboten werden (Haltungsempfehlungen von Deutschland, Österreich, Schweiz). Die Mindestgröße hängt von der Anzahl der Tiere ab, also muss bei entsprechender Anzahl mehr Fläche angeboten werden. Für 2 Kaninchen (bis 5.5 kg) sollte diese Grundfläche mindestens 14.000 m² betragen. Dieses Platzangebot wird in herkömmlichen im Handel erhältlichen Heimtierunterkünften in der Regel nicht erreicht oder nur wenn man die Fläche etwaiger mehrerer Etagen hochrechnet. Diese gestapelten Ställe scheinen zwar auf den ersten Blick viel Fläche zu bieten, schränken das Fluchttier Kaninchen dennoch enorm in der Bewegung ein. Eine bessere Alternative zu den herkömmlichen Käfigen in der Wohnungshaltung ist ein Gehege mittels Zaunelementen (wie zB Welpen-/Freigehege) zu gestalten.

Mit einem ordentlichen Gehege können die Kaninchen in das Familienleben mehr miteinbezogen werden und verschwinden nicht im „Kaninchenknast“ in irgendeinem Winkel des Raumes. Platzmangel als Argument, wieso das Kaninchen alleine gehalten wird, war bei einer Umfrage unter Kaninchenbesitzern eine Hauptbegründung. Dies ist keine Option, lässt uns aber zum nächsten Punkt kommen.

2. Artgleicher Sozialpartner

Viele Kaninchenbesitzer halten ihre Tiere in Einzelhaltung. Eine große Problematik hierfür ist ein Nichtverständnis der sozialen Bedürfnisse der Kaninchen, denn etwa 60% der Befragten gaben an, dass ihrer Meinung nach der Mensch als sozialer Bezug ausreicht. Auch wird oft ein Meerschweinchen als akzeptabel angesehen, obwohl es häufig zu Verständigungsproblemen unter den verschiedenen Tierarten kommen kann.

3. Artgerechte Einrichtung

Als Fluchttier mit einem Kaninchenbau als eigentlichen Wohnort, braucht das Kaninchen also einen Rückzugsort zum Verstecken und Grabmöglichkeiten.

Häuschen

Eine Studie zeigte, dass Kaninchen, die keine Chance hatten, sich zu verstecken, unruhiger waren als jene mit einer Versteckmöglichkeit. Studien zeigten jedoch auch, dass die Kaninchen bei Ungestörtheit nur selten die Gelegenheit nutzten das Versteck zu benutzen und wirklich dort Unterschlupf suchten. Weibliche Tiere nutzen die Häuschen öfter, dies deckt sich mit Beobachtungen aus freier Wildbahn, wo auch weibliche Tiere öfter Höhlen benutzten als männliche.

Pro Kaninchen sollte 1 Häuschen angeboten werden. Viele angebotene Häuschen sind zu klein - Kaninchen sollten sich darin voll ausstrecken können. Besser sind 2 Eingänge, da so Aggressionen zwischen den Tieren entschärft werden können. Weiteres sollten die Öffnungen groß genug sein, damit das Kaninchen problemlos ein- und ausgehen kann.
Zu bevorzugen sind auch Häuschen, die ein Flachdach besitzen. Es zeigte sich in einer Studie, dass Kaninchen das Dach des Häuschens sehr gerne zum Liegen oder Ausschau halten nutzen. Dies war begleitet durch eine reduzierte Alarmbereitschaft durch selteneres Männchen machen und ebenfalls selteneres Zeigen von Kratzen an Boden oder Wänden. Dies alles signalisiert, dass ein geschützter Platz wichtig ist, um mit der Umwelt besser zurecht zu kommen!

Empfehlenswerte Häuschen mit Flachdach und 2 Öffnungen (je nach Kaninchen-Rasse sollten die Größe der Öffnungen und die Häuschen-Maße berücksichtigt werden):

Die Höhe des Geheges (Käfigs) ist hier ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden des Kaninchens, denn eine zu geringe Höhe verhindert das Männchen machen am Dach des Häuschens. Eine Etage durch ein Regal oder ähnliches bereichert ebenso den Bereich des Kaninchens, da es mehr Nutzfläche schafft und sogleich bequemen Platz zum Ruhen bietet.

Grabmöglichkeit

In freier Natur wird ein großer Teil des täglichen Zeitbudgets zum Instandhalten des Baus aufgewendet, also sollte eine Möglichkeit zum Graben nicht fehlen. Genauso sollte eine Toilette nicht fehlen, denn Kaninchen sind eigentlich reinliche Tiere mit Kot-Latrinen. Große Wannen oder Katzentoiletten können mit Holzstreu (oder einem anderen Substrat zum Graben, wie z.B. Erde) befüllt werden.

4. Futter

In freier Wildbahn muss das Kaninchen viel Zeit mit der Nahrungsaufnahme verbringen. Mit adäquatem Futter (also hauptsächlich Heu und Gras) in einer gut überlegten Darreichungsform, also eine bewusste Hausforderung bei der Futteraufnahme, kann ein wichtiger Faktor zur langfristigen Beschäftigung sein und damit das Wohlergehen verbessern.
In einer Studie, welche die Aktivitätsperioden von Kaninchen aus Heimtier-Haltung mit Semiwilden (also Kaninchen, welche halbwild in großen Gehegen lebten), zeigte sich, dass die Kaninchen der Privatpersonen viel mehr inaktiv waren, als die halbwilden Individuen. Ein Grund hierfür ist die schnelle und leichte Nahrungsaufnahme. Nicht immer ist es gut alles am Silbertablett zu servieren. Alternativ kann man das Kaninchen das Futter in Außengehegen oder einem gesicherten Garten selbst pflücken lassen, andererseits können auch die Futterplätze und Futterdarreichungsformen optimiert werden, um es artgerecht zu beschäftigen. Mehr dazu in Kürze.

5. Wasser

Wasser sollte in Wasserschüsseln angeboten werde, nicht in Nippeltränken. Studien haben gezeigt, dass Kaninchen das Trinken von einer Wasseroberfläche bevorzugen. Nippeltränken können zu einem verminderten Trinkverhalten und folgenden gesundheitlichen Problemen führen.

Fazit

Eine tiergerechte Unterbringung bereichert nicht nur das Leben der Hauskaninchen, sondern indirekt auch das deren Besitzern. Glückliche Kaninchen  zeigen ein breites Spektrum an Verhalten und sind somit interessante Tiere zum Beobachten und Interagieren. Kaninchen sind keine langweiligen Käfigtiere, wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird, sich zu entfalten.

Referenzen

Edgar, J. L., & Mullan, S. M. (2011). Knowledge and attitudes of 52 UK pet rabbit owners at the point of sale. The Veterinary Record, 168(353), 1–7. http://doi.org/10.1136/vr.c6191
Magnus, E. (2005). Behaviour of the pet rabbit: what is normal and why do problems develop? In Practice, 27(10), 531–535. http://doi.org/10.1136/inpract.27.10.531
Mullan, S. M., & Main, D. C. J. (2006). Survey of the husbandry, health and welfare of 102 pet rabbits. The Veterinary Record, 159(4), 103–109. http://doi.org/10.1136/vr.159.4.103
Muser Leyvraz, A. E. (2007). Influence of management on the behaviour of pet rabbits in Switzerland. Retrieved from http://eprints.soton.ac.uk/55010/1/Muser_ISAZ_2007_abstract.doc
Tschudin, A., Clauss, M., Codron, D., & Hatt, J. M. (2011). Preference of rabbit for drinking from open dishes versus nipple drinkers. Vet Rec, 168(7), 190.

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